Die WHO-Region Europa wurde für poliofrei erklärt


Am 21. Juni 2002 wurde die WHO-Region Europa mit seinen 51 Mitgliedsstaaten für poliofrei erklärt. Damit wurde das erreicht, was die WHO-Region Amerika bereits 1994 und die WHO-Region West-Pazifik im Jahr 2000 erreicht hat. Für alle 6 WHO-Regionen gelten gleiche Voraussetzungen:

● in den letzten  drei Jahren dürfen keine Poliofälle aufgetreten sein, die auf eine      Zirkulation von Wildviren im Land zurückzuführen sind,

● es müssen sichere Überwachungssysteme existieren, um z.B. eingeschleppte
   Fälle sofort zu erkennen,

● zur Bekämpfung und Eingrenzung bei Polio-Einschleppung müssen  Aktionspläne     erarbeitet sein,  

● alle Länder der Region müssen hohe Durchimpfungsraten nachweisen, auch bei den Bevölkerungsgruppen, die besonders gefährdet sind (z.B. Asylsuchende, Nichtsesshafte),

Laboratorien, die mit Wildviren arbeiten, müssen registriert sein, die   Wildviren
   sicher gelagert sein,

● Fortsetzung der Überwachung und Aufrechterhaltung der Polioausrottungsmaßnahmen
   bis zur weltweiten Zertifizierung.

 

Der letzte in der WHO-Region Europa registrierte "einheimische Polio-Fall" trat im November 1998 bei einem 33 Monate alten, nicht geimpften Jungen aus der Osttürkei auf. Im Jahr 2000 wurden zweimal Polioviren aus dem indischen Subkontinent eingeschleppt. In Bulgarien erkrankten drei Roma-Kinder mit Lähmungen und in Georgien ein Junge mit einer Hirnhautentzündung. Regionale Impfkampagnen mit  Schluckimpfstoff verhinderten jeweils eine Ausbreitung. Diese Beispiele zeigen, wie wichtig eine sorgfältige Überwachung ist. Bei Kindern und Jugendlichen sollten bei Auftreten der für eine Polio typische schlaffe Lähmung oder bei einer nicht durch Bakterien hervorgerufenen Hirnhautentzündung die Stühle auf Polio-Viren untersucht werden. Auch Abwasseruntersuchungen können auf Gefahrenquellen hinweisen.

Auch muss jeder gegen Poliomyelitis geimpft sein. Die bei uns eingesetzten Tot-Impfstoffe sind sehr gut verträglich und führen zu einem anhaltenden Schutz. Nur hohe Durchimpfungsraten verhindern die Ausbreitung des Virus. Nach Abschluss der Grundimmunisierung im jugendlichen Alter sind erneute Impfungen (Auffrischungsimpfungen) nur in Ausnahmefällen erforderlich, z.B. bei Reisen in Ländern, in denen auch heute noch die Polio vorkommt.

Wie wirksam das Ausrottungsprogramm der WHO ist, zeigen folgende Zahlen. Zu Beginn des Programms im Jahr 1988 erkrankten weltweit noch zirka  350.000 Menschen, im Jahr 2000 waren es noch knapp 3000 und im Jahr 2001 weniger als 800. Heute tritt die Polio nur noch in 10 Ländern auf, u.a. in Indien, Afrika und Afghanistan. Viele Institutionen und Länder helfen bei der Ausrottung. Eine besondere Bedeutung kommt aber den vielen freiwilligen Helfern und Gesundheitsfürsorgern in den Entwicklungsländern zu. Noch in diesem Jahrzehnt wird die Poliomyelitis ausgerottet sein. So wie 1980 die Pocken.

Prof. Dr. Burghard Stück (†), Berlin
Mitglied der Regionalen Zertifizierungskommission der WHO-Region Europa
 

 

 

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