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Das akute Krankheitsbild

Erreger und Infektionsmodus

 

Die Poliomyelitis - auch Heine-Medinsche Krankheit oder spinale Kinderlähmung genannt - ist eine Infektionskrankheit. Drei Serotypen eines Virus - Brunhild (I), Lansing (II) und Leon (III) - können diese Krankheit auslösen, wobei Typ I etwa 85% der Fälle verursachen.
Die Viren werden über den Mund aufgenommen und vermehren sich im Verdauungstrakt. Sie werden in den ersten Wochen der Erkrankung in großen Mengen im Stuhl ausgeschieden.
Poliomyelitis ist zwar höchst ansteckend, verläuft aber in 95% der Fälle ohne erkennbare Krankheitssymptome. Bei den Patienten, die erkranken, hängt der Verlauf stark von der persönlichen Widerstandskraft, dem Ernährungszustand und der momentanen Abwehrlage
ab. In den meisten Fällen klingt die Krankheit ab, bevor sie voll zum Ausbruch gekommen ist. Bei dieser inapparenten oder abortiven Form treten keine oder nur leichte uncharakteristische Beschwerden auf. Sie hinterlässt aber eine lebenslange Immunität
(Abwehrkraft) gegen den jeweiligen Serotypus des Poliovirus. Diese "stille Feiung" ist der Grund dafür, dass in Ländern mit häufigen Polioepidemien meist Kinder erkranken
(Kinderlähmung): Wegen der Häufigkeit der Epidemien kommen die meisten Einwohner bereits im Kindesalter in Kontakt mit dem Virus. Sowohl bei schwerer als auch bei leichter Erkrankung erwerben Sie sich dadurch Immunität.

Nur 5% aller infizierten Personen erkranken deutlich sichtbar und nur 20% aller Erkrankten (also 1-2% aller Menschen, die sich angesteckt haben) weisen neurologische Symptome uf (siehe Tab. 1).
 

Verlaufsformen der akuten Poliomyelitis

Inapparente Form
ohne Symptome

Abortive 
(verkürzte) Form

Sichtbare Erkrankung 

Sichtbare Erkrankung

90 %

5 %

3 - 4 %

1 - 2 %

Stille Feiung Erkrankung ohne Folgen  Paralytische Polio


 

 

Die akute Erkrankung

Das Vorstadium der Poliomyelitis bzw. die abortive Form verläuft wie eine Grippe mit Fieber und allgemeiner Abgeschlagenheit, oft auch mit Kopf- oder Halsschmerzen, Erbrechen und Darmbeschwerden. Nach wenigen Tagen kann mit dem Sinken der Temperatur die Krankheit überstanden sein. Sonst folgt - eventuell nach einigen fieberfreien Tagen - eine fieberhafte Hauptphase mit Kopfschmerzen und Nackensteife ("meningitische Phase"), die wiederum nach einigen Tagen (relativ rasch, oft "über

 Nacht") in die Lähmungsphase mit heftigen Schmerzen und rasch fortschreitenden Lähmungen übergehen kann.

Die häufigste Form ist die spinale Lähmung: die Viren befallen die motorischen Vorderhornzellen im Rückenmark, die die Muskelbewegung steuern. Jede dieser Nervenzellen ist für eine große Gruppe von Muskelfasern zuständig. Die Vorderhornzellen können irreversibel zerstört oder mehr oder weniger schwer geschädigt werden. Die Folge ist eine schlaffe Lähmung der zu den betroffenen Motoneuronen gehörenden Muskeln, welche in schweren Fällen den ganzen Körper und auch die Atemmuskulatur betreffen kann.

Selten werden, meist zusätzlich zur Rückenmarkserkrankung, Hirnstamm und Hirnnerven oder andere Gehirnregionen befallen. Schluckstörungen, Lähmungen der Augenmuskulatur und zentrale, d.h. vom Steuerungszentrum im Gehirn ausgehende Atemlähmung und schwere Kreislaufstörungen können die Folge sein. Nur vereinzelt tritt eine Encephalitis (Hirnhautentzündung) mit hohen Fieber, Bewußtseins-
verlust und Krämpfen auf.

Bereits in der 2. Woche nach Auftreten der Lähmungen tritt die Rekonvaleszenz ein: Die Lähmungen gehen allmählich ganz oder teilweise zurück (siehe Tab. 2)
 

Stadien des klinischen Verlaufs der akuten Poliomyelitis

Die Erkrankung kann in jedem Stadium enden

Stadium

Inkubation

abortives Stadium
("1. Kranksein")

meningitisches
Stadium

Lähmungsstadium

Dauer

3 - 14 Tage

2 - 5 Tage

3 - 4 Tage

3 - 5 Tage

Symptome

---

Fieber bis 40° C
grippale
Beschwerden

leichtes Fieber
Nackensteife,
Kopfschmerzen

erneut leichtes Fie-
ber dann Kopf- und
Gliederschmerzen,
schlaffe asymetri-
sche Lähmungen
ev. zerebrale

Lähmung

Bakteriennachweis

---

Stuhl
Rachenabstrich
Blut

Stuhl
Rachenabstrich
Liquor

Stuhl (bis zu 17
Wochen) Rachen-
abstrich, Liqour

Antikörper

---

---

ja

ja

Therapie

Im akuten Krankheitsstadium ist strenge Bettruhe mit sorgfältiger Lagerung zur Vermeidung von Kontrakturen und Decubiti (Druckgeschwüre) angezeigt. Es können Immunglobuline gegeben werden. Wenn die Lähmungen nicht mehr zunehmen, werden Streichmassagen und passive und aktive Bewegungsübungen durchgeführt, welche sofort abgebrochen werden müssen, wenn sie Schmerzen verursachen oder den Patienten ermüden. Blasen- und Darmentleerung werden genau kontrolliert und eventuell medizinisch unterstützt.

Bei Lähmungen der Atemmuskulatur oder des Atemzentrums sind Angst und Unruhe sowie angestrengte Atmung erste Zeichen der Atemnot, die den Einsatz künstlicher Beatmung erforderlich macht.

Bleibende Schäden

Wie bereits beschrieben, entstehen die Lähmungen durch eine Entzündung der motorischen Vorderhornzellen im Rückenmark. Nach dem Abklingen dieser Entzündung bleiben zunächst gesunde, geschädigte und völlig zerstörte Motoneurone (Vorderhornzellen) zurück. Der Körper versucht nun, die entstandenen Ausfälle zu kompensieren: Die gesunden und die nur wenig geschädigten Motoneurone bilden zusätzliche Aussprossungen zu den verwaisten Muskelfasern, die von den abgestorbenen oder schwer geschädigten Nervenzellen nicht mehr versorgt werden. Diese Sprossenbildung ist so effektiv, dass ein Ausfall von 50% der Vorderhornzellen, die für einen Muskel zuständig sind, ausgeglichen werden kann.

Während der stabilen Postpoliophase bilden sich die motorischen Einheiten durch ständige Denervations- und Reinervationsvorgängen fortlaufend um, d.h. bestehende Nervenaussprossungen sterben ab und es entstehen dafür neue. Der Grund dafür ist, dass viele Muskelzellen verwaist sind und die Motoneuronen versuchen, alle diese Muskelzellen zu versorgen   (Abb. 1).  Diese Aufgabe können sie nicht bewältigen, sodass der Muskel nach außen hin zwar kräftig erscheint, die Neuronen sich aber in einem Dauerstresszustand befinden, der zum Postpoliosyndrom führen kann.

Aber auch der Muskel selbst versucht, durch Anpassungshypertrophie, also eine Zunahme des Volumens der verbliebenen Muskelfaser, den Kraftverlust zu kompensieren.

Die Besserung erfolgt in den ersten Wochen rasch (50% der zu erwartenden Besserung in den ersten 10 Wochen), dann immer langsamer. Im zweiten Jahr nach der akuten Krankheit werden nur noch begrenzte Fortschritte erzielt  (Abb. 2).

Die bleibenden Lähmungen sind asymetrisch, schlaff, mit fehlenden Reflexen. Infolge des Ausfalls der Muskelstimmulierung durch aktive Bewegung tritt Muskelatrophie (Muskelschwund) auf. Die Sensibilität bleibt erhalten, aber häufig sind die Nerven, die die Blutversorgung v.a. der Beine steuern, geschädigt. Man findet an den betroffen Gliedmaßen trophische Störungen mit violetten Verfärbung, Schwellungen und schweißiger Haut, die Füße sind oft kalt und Schmerzen.

Bei Erkrankungen im Kindesalter kommt es zum Wachstumsrückstand der befallenden Glieder. Durch ungleichen Muskelzug entstehen Gelenkverformungen, Skoliosen und andere Deformierungen. Bei länger bestehender Gehunfähigkeit wird der Knochen infolge der fehlenden Belastung abgebaut (Osteoporose mit erhöhter Bruchgefahr).

 

Quellhinweis: Aus der Schriftenreihe der Bundesgemeinschaft Hilfe
für Behinderte "Kommunikation zwischen Partnern" (Polio) Band 219
Gefördert durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit

 

 

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