In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts bedeutete "Kinderlähmung"
mit den im Sommer und Frühherbst überbordende Epidemien Angst
und Schrecken. Immer mehr verschob sich auch die Altersverteilung: Waren
noch im 19. Jahrhundert bei den eher sporadisch und regional auftretenden
Infektionen in erster Linie Kinder erkrankt, traf es nun zunehmend auch
Jugendliche und jüngere, ja selbst ältere Erwachsene. Wie viele
Eltern, und mit ihnen die nach einer, wie es schien, kurzen, heftigen Grippeerkrankung
mit hohen Fieber über Nacht gelähmten, von Atemnot geplagten
Patienten mussten mit der Diagnose fertig werden: "Tja ....das ist
die spinale Kinderlähmung .....Ob Ihre Tochter jemals wieder laufen
kann ist fraglich." Oft genug war die Eiserne Lunge die einzige Hilfe,
um zu überleben. Klinikaufenthalte, Rollstuhl, Krücken, Schienen,
weitgehende Abhängigkeit von Hilfe prägten bei vielen die nächsten
Jahre, bei anderen das ganze Leben. Auch die Familie bekam den Einschnitt
zu spüren.
Verständlich, dass aus Furcht vor Ansteckung Schwimmbäder,
Kinos, Sportplätze und die beliebten Ferienlager zunehmend gemieden
wurden und Eltern im Sommer ihre Kinder am liebsten zu Hause sahen. Der
schwedische Forscher I. Wickmann hatte 1911
herausgefunden, dass leichte oder lähmungsfreie Krankheitsfälle
sowie scheinbar gesunde Zwischenträger eine wichtige Rolle spielen.
Geradezu katastrophale Ausmaße hatten die Epidemien im Jahre
1952 angenommen: In den Vereinigten Staaten wurden 58 000 Fälle gemeldet,
in Deutschland (West und Ost zusammengenommen) registrierte 10 259 Fälle.
In den USA waren 3 145 Todesfälle zu beklagen,
21 259
Personen trugen bleibende Lähmungen davon. Im gleichen Jahr wurden
in Westdeutschland und Westberlin 9 517 bzw. 211 Erkrankungen (ca. 70%
mit Lähmungen) angegeben, die Zahl der Todesfälle lag bei 777.
(Die Bezeichnung "spinale Kinderlähmung"
gilt heute als veraltet, weil sie den Befall von Körperregionen und
den betroffenen Personenkreis nur unzureichend erfasst. Man hat sich
für "Poliomyelitis anterior acuta", Kurzfassung
"Polio", entschieden.)
Einen wirklichen Schutz gegen die Polio gab es nicht. Zwar wurde
bei frisch Erkrankten durch Injektionen von Immunglobolin und Blutserum
von Personen, die gerade eine Polio durchgemacht hatten, versucht, die
körpereignen Abwehrkräfte zu stärken und so die Auswirkungen
der Infektion zu mildern. An bedeutenden Universitäten und Instituten
in aller Welt waren Forscher bemüht, den oder die Erreger der Poliomyelitis
zu identifizieren und zu typisieren. Dass es Viren verschiedener
Stämme mit drei Haupttypen sind, fand 1947/48 eine Wissenschaftlergruppe
der damaligen "Nationalen Stiftung für Kinderlähmung (National
Foundation for Infantile Paralysis") in den USA heraus.
Zu ihr war SALK 1947 von der Universität
Pittsburgh gestoßen, nachdem er sich an der Universität Michigan
einige Jahre bei seinem früheren Lehrer von der Universität New
York mit der Erforschung der Grippeviren und Experimenten mit verschiedenen
Impfstoffen gegen Grippe befasst hatte. Er erprobte sie an sich selbst.
1914 als Sohn russischer Einwanderer in New York geboren, wollte SALK
nach Medizinstudium und Assistenzarztzeit in New York in die Forschung
gehen. In Pittsburgh hoffte er auf ein eigenes Laboratorium. Der Druck
war groß, gegen die Kinderlähmung endlich eine Waffe zu finden.
Die Voraussetzungen dafür schufen 1948 die Bakteriologen und
Epidemiologen John Enders, Thomas
Weller und Frederick C. Robbins in
Boston/Cambridge, als es ihnen gelang, Polioviren auf Kulturen von tierischem
Gewebe zu züchten. Für diesen Durchbruch wurden sie 1954 mit
dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Prof.
Weller, ein treuer Teilnehmer an den Lindauer Nobelpreisträgertagungen,
hielt dort übrigens 1993 einen aufrüttelnden Vortrag über
das Aufflammen alter und völlig neuer Infektionskrankheiten in einer
sich verändernden Welt, wobei AIDS nur
einer von vielen Faktoren ist.
Polio-Pioniere
SALK sah in der Leistung der Wissenschafter
von Massachusetts die große Chance, zur Entwicklung eines Impfstoffes
gegen die Polio zu kommen. Innerhalb von drei Jahren führte er erste
Sicherheitstests in klinischer Erprobung durch und impfte 1952 auch sich
und seine Familie. Bis 1954 nahmen mehr als 1,8 Millionen Kinder an den
landesweiten Tests zur Immunisierung gegen Poliomyelitis mit dem inaktivierten
Impfstoff teil, der injiziert werden musste. "Polio-Pioniere" nannte
man sie in Amerika.
Am 12. April 1955 schließlich wurde der Impfstoff von den zuständigen
Behörden zur allgemeinen Anwendung freigegeben. SALK hatte
ein bis dahin gültiges Prinzip durchbrochen, für Vakzine bis
zur Harmlosigkeit abgeschwächte lebende Viren zu benutzen: Er
hielt es für möglich, auch aus abgetöteten Viren einen Impfstoff
zu gewinnen, der überdies noch sicherer wäre. Er hatte sich nicht
getäuscht. So war auch sein letztes großes Projekt, einen Impfstoff
gegen AIDS zu finden, auf dieser Grundlage
aufgebaut. Er hatte es nach einem Besuch der AIDS-Forscher Dr.
Anthony Fauci und Dr. Robert Gallo
in seinem "Institut für Biologische Forschungen" bei La Jolla intensiviert.
Dabei geht es allerdings nicht um Vorbeugung, sondern um eine sog. therapeutische
Vakzine für bereits infizierte Personen. Bedeutende Wissenschaftler
hatten im Salk-Institut Gelegenheit, ihre
Ideen nachzugehen. Er selbst hatte sich in La Jolla seit den sechziger
Jahren auch mit Möglichkeiten zur Bekämpfung von Krebs
und multipler Sklerose befaßt.
Bis zum Jahr 1961 war dank der Massenimpfungen mit dem Salkschen
Vakzin die Zahl der Polioerkrankungen in den USA um 95% zurückgegangen. Jonas
SALK wurde von der Bevölkerung geradezu verehrt - die Befreiung
von der Angst vor Kinderlähmung hatte das Dasein der Menschen verändert.
Eltern und Kinder schickten körbeweise Dankesbriefe. Straße,
Brücken, Schulen, öffentliche Einrichtungen wurden nach ihm benannt.
Die Kollegenschaft reagierte unterschiedlich, zeigte sich z. T. zurückhaltend.
Als 1961 der von Dr. Albert SABIN auf der
Basis abgeschwächter lebender Viren entwickelte Polio-Impfstoff von
der amerikanischen Regierungsbehörde zugelassen war, löste dieser
in großen Teilen der Welt die Salksche Vakzine
ab. Er ist, auf ein Stück Zucker geträufelt, sehr viel einfacher
zu verabreichen. In bestimmten Fällen oder unter besonderen Umständen
ist allerdings der Polio-Impfstoff nach Jonas SALK nach
wie vor unentbehrlich.
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