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Er befreite von großer Angst

Autorin: Frau Gertrud Weiss ( 2004), (Zum Tode des Polio-Impfpioniers Dr. Jonas SALK)

Die Nachricht vom Tode des amerikanischen Virologen Dr. Jonas Edward SALK, der am 23. Juni 1995 im Alter von 80 Jahren in La Jolla (Kalifornien) nach kurzer Krankheit starb, veranlasste große Zeitungen und Zeitschriften in den USA zu einer ausführlichen Würdigung des Forschers, (Dagegen waren in der deutschen Presse nur Meldungen zu finden.) "Eine gute Möglichkeit, die Bedeutung der großen Persönlichkeiten der Medizin abzuschätzen, ergibt sich daraus, wie vollständig sie uns vergessen machen, was wir ihnen verdanken", hieß es in dem ganzseitigen Artikel im Magazin TIME.

 Die Welt verdankt Dr. Jonas SALK den ersten wirksamen Impfstoff gegen die gefürchtete Kinderlähmung (Poliomyelitis). In den Industrieländern weiss man heute kaum mehr, was sie überhaupt war - eine "Kinderkrankheit" eben, oft mit katastrophalen Folgen für die Betroffenen, die es aber hier praktisch nicht mehr gibt. Und nicht wenige unserer Ärzte der jungen Generation haben noch nie einen Patienten mit Lähmungen und sekundären Schäden als Folge einer Polioerkrankung gesehen, geschweige denn, sich mit den jetzigen Spätfolgeproblemen befasst.

In manchen Regionen der Welt - vor allem in Indien, einigen afrikanischen Ländern und in Teilen der ehemaligen Sowjetunion - tritt sie noch immer epidemisch auf und verursacht nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jährlich ca. 250 000 neue Lähmungsfälle. Das Ziel der WHO, durch Impfaktionen die Kinderlähmung bis zur Jahrtausendwende ebenso auszurotten wie schon Ende der siebziger Jahre die Pocken, wäre aber nur erreichbar, wenn u.a. Bevölkerung und Ärzteschaft in den hoch entwickelten Ländern sich konsequent um den Impfschutz des einzelnen kümmerten. Impfmüdigkeit oder Impfverweigerung, z.B. aus weltanschaulichen oder religiösen Gründen, sind angesichts der lebhaften Touristik wachsende Gefahrenquellen für die Allgemeinheit.

In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts bedeutete "Kinderlähmung" mit den im Sommer und Frühherbst überbordende Epidemien Angst und Schrecken. Immer mehr verschob sich auch die Altersverteilung: Waren noch im 19. Jahrhundert bei den eher sporadisch und regional auftretenden Infektionen in erster Linie Kinder erkrankt, traf es nun zunehmend auch Jugendliche und jüngere, ja selbst ältere Erwachsene. Wie viele Eltern, und mit ihnen die nach einer, wie es schien, kurzen, heftigen Grippeerkrankung mit hohen Fieber über Nacht gelähmten, von Atemnot geplagten Patienten mussten mit der Diagnose fertig werden: "Tja ....das ist die spinale Kinderlähmung .....Ob Ihre Tochter jemals wieder laufen kann ist fraglich." Oft genug war die Eiserne Lunge die einzige Hilfe, um zu überleben. Klinikaufenthalte, Rollstuhl, Krücken, Schienen, weitgehende Abhängigkeit von Hilfe prägten bei vielen die nächsten Jahre, bei anderen das ganze Leben. Auch die Familie bekam den Einschnitt zu spüren.

Verständlich, dass aus Furcht vor Ansteckung Schwimmbäder, Kinos, Sportplätze und die beliebten Ferienlager zunehmend gemieden wurden und Eltern im Sommer ihre Kinder am liebsten zu Hause sahen. Der schwedische Forscher I. Wickmann hatte 1911 herausgefunden, dass leichte oder lähmungsfreie Krankheitsfälle sowie scheinbar gesunde Zwischenträger eine wichtige Rolle spielen.

Geradezu katastrophale Ausmaße hatten die Epidemien im Jahre 1952 angenommen: In den Vereinigten Staaten wurden 58 000 Fälle gemeldet, in Deutschland (West und Ost zusammengenommen) registrierte 10 259 Fälle. In den USA waren 3 145 Todesfälle zu beklagen,  21 259 Personen trugen bleibende Lähmungen davon. Im gleichen Jahr wurden in Westdeutschland und Westberlin 9 517 bzw. 211 Erkrankungen (ca. 70% mit Lähmungen) angegeben, die Zahl der Todesfälle lag bei 777. (Die Bezeichnung "spinale Kinderlähmung" gilt heute als veraltet, weil sie den Befall von Körperregionen und den betroffenen Personenkreis nur unzureichend erfasst. Man hat sich für "Poliomyelitis anterior acuta", Kurzfassung "Polio", entschieden.)

Einen wirklichen Schutz gegen die Polio gab es nicht. Zwar wurde bei frisch Erkrankten durch Injektionen von Immunglobolin und Blutserum von Personen, die gerade eine Polio durchgemacht hatten, versucht, die körpereignen Abwehrkräfte zu stärken und so die Auswirkungen der Infektion zu mildern. An bedeutenden Universitäten und Instituten in aller Welt waren Forscher bemüht, den oder die Erreger der Poliomyelitis zu identifizieren und zu typisieren. Dass es Viren verschiedener Stämme mit drei Haupttypen sind, fand 1947/48 eine Wissenschaftlergruppe der damaligen "Nationalen Stiftung für Kinderlähmung (National Foundation for Infantile Paralysis") in den USA heraus.

Zu ihr war SALK 1947 von der Universität Pittsburgh gestoßen, nachdem er sich an der Universität Michigan einige Jahre bei seinem früheren Lehrer von der Universität New York mit der Erforschung der Grippeviren und Experimenten mit verschiedenen Impfstoffen gegen Grippe befasst hatte. Er erprobte sie an sich selbst. 1914 als Sohn russischer Einwanderer in New York geboren, wollte SALK nach Medizinstudium und Assistenzarztzeit in New York in die Forschung gehen. In Pittsburgh hoffte er auf ein eigenes Laboratorium. Der Druck war groß, gegen die Kinderlähmung endlich eine Waffe zu finden.

Die Voraussetzungen dafür schufen 1948 die Bakteriologen und Epidemiologen John Enders, Thomas Weller und Frederick C. Robbins in Boston/Cambridge, als es ihnen gelang, Polioviren auf Kulturen von tierischem Gewebe zu züchten. Für diesen Durchbruch wurden sie 1954 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Prof. Weller, ein treuer Teilnehmer an den Lindauer Nobelpreisträgertagungen, hielt dort übrigens 1993 einen aufrüttelnden Vortrag über das Aufflammen alter und völlig neuer Infektionskrankheiten in einer sich verändernden Welt, wobei AIDS nur einer von vielen Faktoren ist.

Polio-Pioniere

SALK sah in der Leistung der Wissenschafter von Massachusetts die große Chance, zur Entwicklung eines Impfstoffes gegen die Polio zu kommen. Innerhalb von drei Jahren führte er erste Sicherheitstests in klinischer Erprobung durch und impfte 1952 auch sich und seine Familie. Bis 1954 nahmen mehr als 1,8 Millionen Kinder an den landesweiten Tests zur Immunisierung gegen Poliomyelitis mit dem inaktivierten Impfstoff teil, der injiziert werden musste. "Polio-Pioniere" nannte man sie in Amerika.

Am 12. April 1955 schließlich wurde der Impfstoff von den zuständigen Behörden zur allgemeinen Anwendung freigegeben. SALK hatte ein bis dahin gültiges Prinzip durchbrochen, für Vakzine bis zur Harmlosigkeit abgeschwächte lebende Viren zu benutzen: Er  hielt es für möglich, auch aus abgetöteten Viren einen Impfstoff zu gewinnen, der überdies noch sicherer wäre. Er hatte sich nicht getäuscht. So war auch sein letztes großes Projekt, einen Impfstoff gegen AIDS zu finden, auf dieser Grundlage aufgebaut. Er hatte es nach einem Besuch der AIDS-Forscher Dr. Anthony Fauci und Dr. Robert Gallo in seinem "Institut für Biologische Forschungen" bei La Jolla intensiviert. Dabei geht es allerdings nicht um Vorbeugung, sondern um eine sog. therapeutische Vakzine für bereits infizierte Personen. Bedeutende Wissenschaftler hatten im Salk-Institut Gelegenheit, ihre Ideen nachzugehen. Er selbst hatte sich in La Jolla seit den sechziger Jahren auch mit Möglichkeiten zur Bekämpfung von Krebs und multipler Sklerose befaßt.

Bis zum Jahr 1961 war dank der Massenimpfungen mit dem Salkschen Vakzin die Zahl der Polioerkrankungen in den USA um 95% zurückgegangen. Jonas SALK wurde von der Bevölkerung geradezu verehrt - die Befreiung von der Angst vor Kinderlähmung hatte das Dasein der Menschen verändert. Eltern und Kinder schickten körbeweise Dankesbriefe. Straße, Brücken, Schulen, öffentliche Einrichtungen wurden nach ihm benannt. Die Kollegenschaft reagierte unterschiedlich, zeigte sich z. T. zurückhaltend. Als 1961 der von Dr. Albert SABIN auf der Basis abgeschwächter lebender Viren entwickelte Polio-Impfstoff von der amerikanischen Regierungsbehörde zugelassen war, löste dieser in großen Teilen der Welt die Salksche Vakzine ab. Er ist, auf ein Stück Zucker geträufelt, sehr viel einfacher zu verabreichen. In bestimmten Fällen oder unter besonderen Umständen ist allerdings der Polio-Impfstoff nach Jonas SALK nach wie vor unentbehrlich.


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