Schon in ägyptischen Darstellungen vor über 3.000
Jahren wird ein Mann mit einem verkürzten und athrophierten (Athrophie=Schwund
von Organen, Gewebe oder Zellen) Bein dargestellt,
was Folge einer Polio als Kind gewesen sein könnte.
Das Wissen um die Krankheit ist also wahrscheinlich schon sehr alt. Die
erste klinische Beschreibung der Erkrankung stammt aus dem Jahr 1789.
ENDERS und WELLER
erhielten 1954 den Nobelpreis für die Anzüchtung eines Virus
in der Zellkultur. Das Virus kommt in drei Versionen
vor. SALK
erprobte 1954 seinen Impfstoff. 1955, ein
Jahr, bevor er in den Handel kam, gab es in
den USA 55.000 Neuerkrankungen an Polio; 1958 waren
es weniger als 200. Mit der Schluckimpfung
nach SABIN wurde die Handhabung der Impfung noch
einfacher.
Nach Beginn der Schutzimpfung hat die Zahl
der Neuerkrankungen drastisch abgenommen. 1961
waren es noch 4.673, 1962 nur noch 296 in
der Bundesrepublik Deutschland.
Die Krankheit Poliomyelitis ist
jedoch n i c h t verschwunden! 1988 gab es eine kleine Epidemie in
Israel. Dabei fand sich ein erhöhtes
Risiko in der Gruppe der 18- bis 40-jährigen, deren letzte
Impfung über 17 Jahre zurück
lag und die keinen Kontakt mit dem "wilden" Virus hatten. 1992 gab
es einen Ausbruch in den Niederlanden.
Auch nach einer Polio-Erkrankung kann man erneut
erkranken. Man ist nicht sicher immun gegen
die beiden anderen Varianten des Virus. Von
den Infizierten erkrankt aber nur ein geringer Teil
(von 100 Infizierten erkranken 10% mit grippeähnlichen
Beschwerden, 1% müssen mit bleibenden,
unterschiedlich ausgeprägten Lähmungen
rechnen). Der Krankheitsname "Poliomyelitis
anterior acuta" bedeutet
akute Entzündung der vorderen grauen Rückenmarksubstanz. Das
Virus befällt aber nicht nur das Rückenmark, sondern
betrifft auch das Gehirn. Möglicherweise hängt die starke
Erschöpfbarkeit beim PPS
hiermit zusammen, dies ist aber reine Spekulation. Das heute sogenannte
"Post-Polio-Syndrom" (PPS) ist
als Phänomen spätestens seit 1875 in der medizinischen Literatur
bekannt, allerdings nicht unter diesen Namen.
In diesem Jahr (1875) berichtet RAYMOND in
der "Gazette medicale de Paris" über einen 19-jährigen Mann,
der im Alter von 6 Monaten unter Fieber
erkrankt war; danach waren der linke Arm und
das linke Bein gelähmt. Im Alter von 7 Jahren hatte er
sich
soweit erholt, dass er diese Extremitäten wieder teilweise bewegen konnte. Mit
17 Jahren traten Schulterschmerzen und eine vermehrte Erschöpfbarkeit
auf.
In Deutschland berichtet
RSELIGMÜLLE
1879 über einen Mann, der dreijährig eine
Kinderlähmung mit Athrophie des linken
Beines erlitten hatte. Im Alter von 18 Jahren begann eine
progediente (=fortschreitende)
Schwäche und Atrophie des vorher nicht betroffenen rechten
Beines.
1992 wurde die Anzahl der Polio-Überlebenden
in Deutschland auf 40.000 bis 110.00 geschätzt, die
möglichen PPS-Opfer auf 10.000 bis 50.000.
Einen wesentlichen Anteil an der Verbreitung
des Wissens um die Symptomatik hatten die
Betroffenen selber, vor allem in den USA die
von GINI LAURIE
gegründete Selbsthilfegruppe. In Chicago fand 1981 der erste Internationale
Kongress zum Thema "Post-Polio"
statt. Von der Pfennigparade München wurde 1988 eine
Tagung über die "Spätfolgen nach
Poliomyelitis" veranstaltet, 1992 erneut, nun unter dem Schwerpunkt
"Atemstörung". In Deutschland war besonders
GERTRUD WEISS
als Betroffene aktiv.
Persönlichkeit
Auffälligerweise finden sich unter den
Polio-Überlebenden typischerweise leistungsorientierte
Persönlichkeiten, dieenorm viel leisten
und eher die Zähne zusammenbeißen, sich aber oft schlecht
eine Erholung gönnen können.
EMG
Das EMG ist neben der körperlichen Untersuchung die wichtigste
Zusatzuntersuchung; hier finden sich die Zeichen der frühen Polio; sehr oft auch in Gliedmaßen,
die nie betroffen schienen.
Labor
Es findet sich häufig eine leichte Erhöhung der CK-Werte (Createnininkinase=intrazelluläres
Enzym) bis auf das dreifache der Norm, sehr viel
höhere Werte müssen an eine andere Krankheit denken
lassen.
Differentialdiagnose
Nicht jeder Mensch, der früher einmal
eine Polio hatte und nun unter neuen Beschwerden leidet, hat
ein PPS. Oberflächlich ähnlich,
aber viel bösartiger und schneller verläuft die ALS.
Stoffwechselkrankheiten wie Schilddrüsenerkrankung,
Diabetes und Anämie müssen ausgeschlossen
werden. Bei der Myastenie
fehlt ein Überträgerstoff zwischen Nerv und Muskel, der oft gut
ersetzt werden kann. Myopathien
sind Muskelerkrankungen. Hier sind EMG und Biopsie wichtige Untersuchungen. Depressionen können Folge
der neuen Verschlechterung sein oder auch wegen der
verminderten Leistungsfähigkeit ein PPS
imitieren. Sie sind keineswegs gleichzusetzen mit Simulation
oder Einbildung und müssen angemessen
behandelt werden. Wirbelsäulenerkrankungen führen
zu Rückenschmerzen, evt. verbunden mit neuer Schwäche meist
in den Beinen. Typischerweise finden sich
auch Sensibilitätsstörungen, die es beim PPS nicht gibt.
Für eine Polyneuropathie
typisch sind Missempfindungen vor allem an den Beinen und
Sensibilitätsstörungen.
Ursachen
Nach der akuten Polioerkrankung kommt es zum
Aussprossen der erhaltenen Nerven, welche die
Muskelfaser neu versorgen. Ihr Versorgungsgebiet
ist dadurch vergrößert. Motorische Einheiten
können sich bis auf das 7-fache vergrößern.
Bis zu 50% der Vorderhornzellen eines Muskels können
ausfallen, ohne dass sich klinisch eine
Schwäche ergibt. Es gibt verschiedene Hypothesen über das
PPS, wie z.B. verbleiben des Virus im Körper
und Reaktivierung durch einen unbekannten
Auslösemechanismus oder Immunmechanismen.
Wahrscheinlich können die Zellen die erhöhten
metabolischen (=stoffwechselbedingte)
Bedürfnisse nach einer Reihe von Jahren nicht mehr
ausreichend erfüllen, und es kommt zu
einer langsamen Verschlechterung. Im EMG stellt man oft
fest, dass Muskeln, die scheinbar gesund
waren, deutliche Zeichen der Polio zeigen. Wahrscheinlich
erschöpft sich die Kraft dieser über
Jahrzehnte stark geforderten Muskeln früher.
Verlauf und Prognose
Das PPS beginnt mit zunehmender Schwäche
nach einer stabilen Phase von 20 bis 50 Jahren. Der
Verlauf ist in den meisten Fällen sehr
langsam progrediert, z.T. kontinuierlich. Es werden sowohl
früher befallene als auch andere Muskeln
befallen. Die Verschlechterung ist so langsam, dass sie oft
schwer objektivierbar ist, was auch zur Unterstellung
der Simulation führen kann. Am PPS erkranken in den Studien vor allem Patienten
mit schwerem Primärverlauf. Häufig ist das PPS bei
schweren Polioverläufen mit Beatmung,
Lähmungen aller Arme und Beine und Erkrankungsalter
über sieben Jahre.
Difinition
Man kann zwischen Folgezuständen und
dem PPS im engen Sinne unterscheiden. Um ein PPS
annehmen zu können, müssen laut
Definition folgende Bedingungen erfüllt sein:
|
1. Glaubhafte Vorgeschichte einer
Polio. Dazu gehört die Geschichte einer fieberhaften
Erkrankung mit Lähmungen und ohne Gefühlsstörungen, danach
verbliebene Lähmungen
und Atrophien (=verschmächtigte Muskeln),
im EMG typische Zeichen.
2. Besserung
nach der Erkrankung.
3. Periode
der Stabilität von mindestens 15 Jahren.
4. Danach
Beginn mit zwei oder mehr der folgenden Störungen:
-ungewohnte Erschöpfung
-Muskel- und/oder Gelenkschmerzen
-neue Schwäche in einzelnen Muskeln
-Kälteintoleranz
-Atrophien
-keine andere Diagnose als Erklärung!
|
Die Schwäche äußert
sich z.T. in einem plötzlichen Einknicken in den Knien. Die allgemeine
Erschöpfbarkeit betrifft weniger die
Kraft als das Durchhalten bei der Arbeit und im Alltag. Oft
verbunden mit dem Gefühl von Konzentrationsstörungen. Schmerzen
sind ein häufiges aber sehr unspezifisches und vieldeutiges Symptom,
das ja auch durch viele andere Erkrankungen
entstehen kann. Meist handelt es sich um Gelenk-
oder Muskelschmerzen der Arme und Beine. Die Schmerzen sind selten sehr stark. Eine Kälteempfindlichkeit
besteht meist seit vielen Jahren, oft verbunden mit bläulich verfärbten
und deutlich kühleren Beinen.
Blasen- und Darmstörungen
Typisch ist eine oft seit der Krankheit bestehende
Neigung zur Obstipation (=Darmträgheit).
Harnverhalten und Blasenlähmungen sind
selten und oft durch andere Ursachen bedingt. Hier ist
eine gründliche urologische und gynäkologische
Abklärung wichtig.
Atemstörung
Die verminderte Beweglichkeit des Brustkorbs
führt vor allem zu einer gestörten CO2- Abatmung.
Dies äußert sich in einer starken
Müdigkeit auch am Tag, oft verbunden mit Kopfschmerzen!
Schluckstörungen
Sie sind selten, können die Betroffenen
aber sehr beeinträchtigen.
Unspezifische Polio-Folgeschäden
Durch veränderte Statik und den Gebrauch
von Gehilfen kommt es zu zusätzlichen Druckschäden.
Es entstehen oft Haltungsfehler: zu gerade
Lendenwirbelsäule, Haltung mit vorgebeugten Kopf und
runden Schultern, asymetrischer Beckenstand
und Skoliose. Viele zeigen vermehrte seitliche
Schwankungen beim Gehen oder gehen in Hüfte
und Rumpf vorgebeugt, um ein Einknicken im
Knie zu vermeiden und den Boden beobachten
zu können, um nicht zu stolpern. Diese Haltung führt
zu einer Daueranspannung der Rückenmuskulatur.
Durch Ungleichgewichte der Muskelkraft kommt es zu einer vermehrten Belastung der
Gelenke. Das Carpaltunnelsyndrom ist eine
Nervenschädigung am Handgelenk und tritt
z.B. bei Verwendung von Gehstützen häufiger auf; es
kommt zu nächtlichen Schmerzen in der
Hand.
Therapie
Eine Heilung ist bisher nicht möglich.
Schmerzen können mit Analgetika oder Paracetamol behandelt
werden, die aber nicht für die Dauertherapie geeignet sind. Günstig sind Wärme und Massagen.
TENS und Akupunktur sind oft kaum wirksam und teuer, aber in Einzelfällen eine große
Hilfe.
Sinnvolle physikalische Maßnahmen sind Rückenkissen, gut
angepasste Stühle, Halskissen bei Patienten, die auf der Seite oder dem Rücken schlafen. Weiche
Schaumstoff-Matratzenauflagen oder Wasserbetten sollen bei"Bauchschläfer" ein Überstrecken
der Halswirbelsäule verhindern. Knie- und Fussgelenkorthesen, aber auch einfache Schuhe wie
z.B. Cowboyboots verhindern eine Stolpergefahr bei Fußhebeschwäche und reduzieren die Notwendigkeit, den Boden beim Gehen zu
beobachten. Dies bessert dann die damit oft verbundene Vorneigung
im Rücken mit dem daraus resultierenden Schmerzen.
Oft ist eine Gewichtsabnahme angezeigt.
Schwäche und Erschöpfbarkeit
Ein gezieltes Trainingsprogramm kann zu einer Verbesserung der Kraft
führen, vor allem wenn die Übung nicht zu einer starken Erschöpfung führen.
Meist ist es aber im Gegenteil erforderlich, zunächst weniger zu tun, Überbelastung zu vermeiden, Fehlbelastung
zu korrigieren, Erholung nutzen, Kuren etc. Hilfsmittel sollten auch verwendet werden. Die
konsequente Verwendung von Hilfsmitteln, die man eigentlich nicht immer bräuchte, kann
nicht nur ein Voranschreiten der Schwäche aufhalten, sondern die Kraft wieder bessern. Atemtherapie
kann eine große Hilfe sein,
wie z.B. Autogenes Training.
Carnitin ist ein
in der Nahrung und im Körper vorkommender Stoff. Nach Berichten des
Schweizer Arztes Dr. Lehmann-Buri,
der selber Betroffender ist, kann Carnitin
die Erschöpfbarkeit wesentlich bessern. Es gibt bisher aber nur einzelne
zufällige Berichte. Eine wissenschaftliche Untersuchung
steht noch aus.
Mestinon kann
bei Schluckstörungen oder dem Einknicken eine Hilfe sein, doch können
schnelle Herz- und Kreislaufnebenwirkungen auftreten,
weshalb dieses Medikament zunächst unter strenger
ärztlicher Kontrolle eingenommen werden
muss.
Bei Atembeschwerden sollte nach anderen Ursachen
gesucht und dann gezielt behandelt werden
(Allergie, Asthma). Sauerstoff nutzt nichts.
Intermittierende Beatmung über Stunden oder nachts
oder dauernd führt zu einer wesentlichen
Besserung des Allgemeinbefindens.
Soziales
Bei fortschreitenden Störungen ist eine
Belastungsreduktion, soweit möglich (z.B. Rente, Teilzeitarbeit), empfehlenswert. Das Beantragen
einer MdE beim Versorgungsamt bringt steuerliche
Vorteile.
Den sinnvollen Zusammenschluss mit anderen
Betroffenen braucht man in diesem Rahmen nicht
mehr vorzuschlagen, da ein flächendeckendes
Netz mit Ansprechpartnern und regionalen Gruppen
im Aufbau ist*).
*) Mit der Gründung der Berliner Gruppe
"Polio-Spätfolgen e.V." ist im Raum Berlin der Bedarf
einer entsprechen Gruppe
gedeckt.