Informationen zu Polio und Post-Polio-Syndrom

 

Autor: Dr. med. Manfred Tesch, Schloßpark-Klinik, Heubenerweg 2, 14059 Berlin-Charlottenburg (Mitglied des  medizinischen Beirats des Bundesverbandes POLIO e.V.)
 

Schon in ägyptischen Darstellungen vor über 3.000 Jahren wird ein Mann mit einem verkürzten und athrophierten (Athrophie=Schwund von Organen, Gewebe oder Zellen) Bein dargestellt, was Folge einer Polio als Kind gewesen sein könnte. Das Wissen um die Krankheit ist also wahrscheinlich schon sehr alt. Die erste klinische Beschreibung der Erkrankung stammt aus dem Jahr 1789.

ENDERS und WELLER erhielten 1954 den Nobelpreis für die Anzüchtung eines Virus in der Zellkultur. Das Virus kommt in drei Versionen vor. SALK erprobte 1954 seinen Impfstoff. 1955, ein Jahr, bevor er in den Handel kam, gab es in den USA 55.000 Neuerkrankungen an Polio; 1958 waren es weniger als 200. Mit der Schluckimpfung nach SABIN wurde die Handhabung der Impfung noch einfacher.

Nach Beginn der Schutzimpfung hat die Zahl der Neuerkrankungen drastisch abgenommen. 1961 waren es noch 4.673, 1962 nur noch 296 in der Bundesrepublik Deutschland.

Die Krankheit Poliomyelitis ist jedoch  n i c h t  verschwunden! 1988 gab es eine kleine Epidemie in Israel. Dabei fand sich ein erhöhtes Risiko in der Gruppe der 18- bis 40-jährigen, deren letzte Impfung über 17 Jahre zurück lag  und die keinen Kontakt mit dem "wilden" Virus hatten. 1992 gab es einen Ausbruch in den Niederlanden. Auch nach einer Polio-Erkrankung kann man erneut erkranken. Man ist nicht sicher immun gegen die beiden anderen Varianten des Virus. Von den Infizierten erkrankt aber nur ein geringer Teil (von 100 Infizierten erkranken 10% mit grippeähnlichen Beschwerden, 1% müssen mit bleibenden, unterschiedlich ausgeprägten Lähmungen rechnen). Der Krankheitsname "Poliomyelitis anterior acuta" bedeutet akute Entzündung der vorderen grauen Rückenmarksubstanz. Das Virus befällt aber nicht nur das Rückenmark, sondern betrifft auch das Gehirn. Möglicherweise hängt die starke Erschöpfbarkeit beim PPS hiermit zusammen, dies ist aber reine Spekulation. Das heute sogenannte "Post-Polio-Syndrom" (PPS) ist als Phänomen spätestens seit 1875 in der medizinischen Literatur bekannt, allerdings nicht unter diesen Namen. In diesem Jahr (1875) berichtet RAYMOND in der "Gazette medicale de Paris" über einen 19-jährigen Mann, der im Alter von 6 Monaten unter Fieber erkrankt war; danach waren der linke Arm und das linke Bein gelähmt. Im Alter von 7 Jahren hatte er sich soweit erholt, dass er diese Extremitäten wieder teilweise bewegen konnte. Mit 17 Jahren traten Schulterschmerzen und eine vermehrte Erschöpfbarkeit auf.

In Deutschland berichtet RSELIGMÜLLE 1879 über einen Mann, der dreijährig eine Kinderlähmung mit Athrophie des linken Beines erlitten hatte. Im Alter von 18 Jahren begann eine progediente (=fortschreitende) Schwäche und Atrophie des vorher nicht betroffenen rechten Beines.

1992 wurde die Anzahl der Polio-Überlebenden in Deutschland auf 40.000 bis 110.00 geschätzt, die möglichen PPS-Opfer auf 10.000 bis 50.000.

Einen wesentlichen Anteil an der Verbreitung des Wissens um die Symptomatik hatten die Betroffenen selber, vor allem in den USA die von GINI LAURIE gegründete Selbsthilfegruppe. In Chicago fand 1981 der erste Internationale Kongress zum Thema "Post-Polio" statt. Von der Pfennigparade München wurde 1988 eine Tagung über die "Spätfolgen nach Poliomyelitis" veranstaltet, 1992 erneut, nun unter dem Schwerpunkt "Atemstörung". In Deutschland war besonders GERTRUD WEISS als Betroffene aktiv.
 

Persönlichkeit
Auffälligerweise finden sich unter den Polio-Überlebenden typischerweise leistungsorientierte Persönlichkeiten, dieenorm viel leisten und eher die Zähne zusammenbeißen, sich aber oft schlecht eine Erholung gönnen können.

 

EMG
Das EMG ist neben der körperlichen Untersuchung die wichtigste Zusatzuntersuchung; hier finden sich die Zeichen der frühen Polio; sehr oft auch in Gliedmaßen, die nie betroffen schienen.

 

Labor
Es findet sich häufig eine leichte Erhöhung der CK-Werte (Createnininkinase=intrazelluläres Enzym) bis auf das dreifache der Norm, sehr viel höhere Werte müssen an eine andere Krankheit denken lassen.

 

Differentialdiagnose
Nicht jeder Mensch, der früher einmal eine Polio hatte und nun unter neuen Beschwerden leidet, hat ein PPS. Oberflächlich ähnlich, aber viel bösartiger und schneller verläuft die ALS. Stoffwechselkrankheiten wie Schilddrüsenerkrankung, Diabetes und Anämie müssen ausgeschlossen werden. Bei der Myastenie fehlt ein Überträgerstoff zwischen Nerv und Muskel, der oft gut ersetzt werden kann. Myopathien sind Muskelerkrankungen. Hier sind EMG und Biopsie wichtige Untersuchungen. Depressionen können Folge der neuen Verschlechterung sein oder auch wegen der verminderten Leistungsfähigkeit ein PPS imitieren. Sie sind keineswegs gleichzusetzen mit Simulation oder Einbildung und müssen angemessen behandelt werden. Wirbelsäulenerkrankungen führen zu Rückenschmerzen, evt. verbunden mit neuer Schwäche meist in den Beinen. Typischerweise finden sich auch Sensibilitätsstörungen, die es beim PPS nicht gibt. Für eine Polyneuropathie typisch sind Missempfindungen vor allem an den Beinen und Sensibilitätsstörungen.

 

Ursachen
Nach der akuten Polioerkrankung kommt es zum Aussprossen der erhaltenen Nerven, welche die Muskelfaser neu versorgen. Ihr Versorgungsgebiet ist dadurch vergrößert. Motorische Einheiten können sich bis auf das 7-fache vergrößern. Bis zu 50% der Vorderhornzellen eines Muskels können ausfallen, ohne dass sich klinisch eine Schwäche ergibt. Es gibt verschiedene Hypothesen über das PPS, wie z.B. verbleiben des Virus im Körper und Reaktivierung durch einen unbekannten Auslösemechanismus oder Immunmechanismen. Wahrscheinlich können die Zellen die erhöhten metabolischen (=stoffwechselbedingte) Bedürfnisse nach einer Reihe von Jahren nicht mehr ausreichend erfüllen, und es kommt zu einer langsamen Verschlechterung. Im EMG stellt man oft fest, dass Muskeln, die scheinbar gesund waren, deutliche Zeichen der Polio zeigen. Wahrscheinlich erschöpft sich die Kraft dieser über Jahrzehnte stark geforderten Muskeln früher.

 

Verlauf und Prognose
Das PPS beginnt mit zunehmender Schwäche nach einer stabilen Phase von 20 bis 50 Jahren. Der Verlauf ist in den meisten Fällen sehr langsam progrediert, z.T. kontinuierlich. Es werden sowohl früher befallene als auch andere Muskeln befallen. Die Verschlechterung ist so langsam, dass sie oft schwer objektivierbar ist, was auch zur Unterstellung der Simulation führen kann. Am PPS erkranken in den Studien vor allem Patienten mit schwerem Primärverlauf. Häufig ist das PPS bei schweren Polioverläufen mit Beatmung, Lähmungen aller Arme und Beine und Erkrankungsalter über sieben Jahre.

 

Difinition
Man kann zwischen Folgezuständen und dem PPS im engen Sinne unterscheiden. Um ein PPS annehmen zu können, müssen laut Definition folgende Bedingungen erfüllt sein:

     

     1. Glaubhafte Vorgeschichte einer Polio. Dazu gehört die Geschichte einer     fieberhaften Erkrankung mit Lähmungen und ohne Gefühlsstörungen, danach verbliebene Lähmungen
          und Atrophien (=verschmächtigte Muskeln), im EMG typische Zeichen.
      2. Besserung nach der Erkrankung.
      3. Periode der Stabilität von mindestens 15 Jahren.
      4. Danach Beginn mit zwei oder mehr der folgenden Störungen:

         -ungewohnte Erschöpfung
         -Muskel- und/oder Gelenkschmerzen
         -neue Schwäche in einzelnen Muskeln
         -Kälteintoleranz
         -Atrophien
         -keine andere Diagnose als Erklärung!

Die Schwäche äußert sich z.T. in einem plötzlichen Einknicken in den Knien. Die allgemeine Erschöpfbarkeit betrifft weniger die Kraft als das Durchhalten bei der Arbeit und im Alltag. Oft verbunden mit dem Gefühl von Konzentrationsstörungen. Schmerzen sind ein häufiges aber sehr unspezifisches und vieldeutiges Symptom, das ja auch durch viele andere Erkrankungen entstehen kann. Meist handelt es sich um Gelenk- oder Muskelschmerzen der Arme und Beine. Die Schmerzen sind selten sehr stark. Eine Kälteempfindlichkeit besteht meist seit vielen Jahren, oft verbunden mit bläulich verfärbten und deutlich kühleren Beinen.

 

Blasen- und Darmstörungen
Typisch ist eine oft seit der Krankheit bestehende Neigung zur Obstipation (=Darmträgheit). Harnverhalten und Blasenlähmungen sind selten und oft durch andere Ursachen bedingt. Hier ist eine gründliche urologische und gynäkologische Abklärung wichtig.

 

Atemstörung
Die verminderte Beweglichkeit des Brustkorbs führt vor allem zu einer gestörten CO2- Abatmung. Dies äußert sich in einer starken Müdigkeit auch am Tag, oft verbunden mit Kopfschmerzen!

 

Schluckstörungen
Sie sind selten, können die Betroffenen aber sehr beeinträchtigen.

 

Unspezifische Polio-Folgeschäden
Durch veränderte Statik und den Gebrauch von Gehilfen kommt es zu zusätzlichen Druckschäden. Es entstehen oft Haltungsfehler: zu gerade Lendenwirbelsäule, Haltung mit vorgebeugten Kopf und runden Schultern, asymetrischer Beckenstand und Skoliose. Viele zeigen vermehrte seitliche Schwankungen beim Gehen oder gehen in Hüfte und Rumpf vorgebeugt, um ein Einknicken im Knie zu vermeiden und den Boden beobachten zu können, um nicht zu stolpern. Diese Haltung führt zu einer Daueranspannung der Rückenmuskulatur. Durch Ungleichgewichte der Muskelkraft kommt es zu einer vermehrten Belastung der Gelenke. Das Carpaltunnelsyndrom ist eine Nervenschädigung am Handgelenk und tritt z.B. bei Verwendung von Gehstützen häufiger auf; es kommt zu nächtlichen Schmerzen in der Hand.

 

Therapie
Eine Heilung ist bisher nicht möglich.
Schmerzen können mit Analgetika oder Paracetamol behandelt werden, die aber nicht für die Dauertherapie geeignet sind. Günstig sind Wärme und Massagen. TENS und Akupunktur sind oft kaum wirksam und teuer, aber in Einzelfällen eine große Hilfe.

Sinnvolle physikalische Maßnahmen sind Rückenkissen, gut angepasste Stühle, Halskissen bei Patienten, die auf der Seite oder dem Rücken schlafen. Weiche Schaumstoff-Matratzenauflagen oder Wasserbetten sollen bei"Bauchschläfer" ein Überstrecken der Halswirbelsäule verhindern. Knie- und Fussgelenkorthesen, aber auch einfache Schuhe wie z.B. Cowboyboots verhindern eine Stolpergefahr bei Fußhebeschwäche und reduzieren die  Notwendigkeit, den Boden beim Gehen zu beobachten. Dies bessert dann die damit oft verbundene Vorneigung im Rücken mit dem daraus resultierenden Schmerzen.

Oft ist eine Gewichtsabnahme angezeigt.

 

Schwäche und Erschöpfbarkeit

Ein gezieltes Trainingsprogramm kann zu einer Verbesserung der Kraft führen, vor allem wenn die Übung nicht zu einer starken Erschöpfung führen. Meist ist es aber im Gegenteil erforderlich, zunächst weniger zu tun, Überbelastung zu vermeiden, Fehlbelastung zu korrigieren, Erholung nutzen, Kuren etc. Hilfsmittel sollten auch verwendet werden. Die konsequente Verwendung von Hilfsmitteln, die man eigentlich nicht immer bräuchte, kann nicht nur ein Voranschreiten der Schwäche aufhalten, sondern die Kraft wieder bessern. Atemtherapie kann eine große Hilfe sein,
wie z.B. Autogenes Training.

Carnitin ist ein in der Nahrung und im Körper vorkommender Stoff. Nach Berichten des Schweizer Arztes Dr. Lehmann-Buri, der selber Betroffender ist, kann Carnitin die Erschöpfbarkeit wesentlich bessern. Es gibt bisher aber nur einzelne zufällige Berichte. Eine wissenschaftliche Untersuchung steht noch aus.

Mestinon kann bei Schluckstörungen oder dem Einknicken eine Hilfe sein, doch können schnelle Herz- und Kreislaufnebenwirkungen auftreten, weshalb dieses Medikament zunächst unter strenger ärztlicher Kontrolle eingenommen werden muss.

Bei Atembeschwerden sollte nach anderen Ursachen gesucht und dann gezielt behandelt werden (Allergie, Asthma). Sauerstoff nutzt nichts. Intermittierende Beatmung über Stunden oder nachts oder dauernd führt zu einer wesentlichen Besserung des Allgemeinbefindens.

 

Soziales
Bei fortschreitenden Störungen ist eine Belastungsreduktion, soweit möglich (z.B. Rente, Teilzeitarbeit), empfehlenswert. Das Beantragen einer MdE beim Versorgungsamt bringt steuerliche Vorteile.

Den sinnvollen Zusammenschluss mit anderen Betroffenen braucht man in diesem Rahmen nicht mehr vorzuschlagen, da ein flächendeckendes Netz mit Ansprechpartnern und regionalen Gruppen im Aufbau ist*).

*) Mit der Gründung der Berliner Gruppe "Polio-Spätfolgen e.V." ist im Raum Berlin der Bedarf einer entsprechen Gruppe gedeckt.

 

 

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