Autor: Dr. Claus-Peter
Kos
Prinzipien der Atmung: Es wird Sauerstoff eingeatmet
und Kohlendioxid ausgeatmet. Bei der aktiven Bewegung vergrößern Zwerchfell
und Rippen den Thoraxraum, dadurch sinkt der Druck in der Lunge und die Luft strömt ein. Bei
der Ausatmung wird die Muskulatur von Rippen und Zwerchfell passiv und die Rückstellkräfte
ziehen den Thorax wieder zusammen, so dass in der Lunge wieder eineDruckerhöhung und dadurch
eine Ausströmung der Luft geschieht. Faktoren bei der Atemarbeit sind Strömungswiderstände
und Dehnungswiderstand. Bei der Polio besteht überwiegend keine Gasaustauschstörung
der Alveolen, sondern eine Ventilationsstörung.
Ein weiterer wichtiger Faktor bei der Atmung
ist der Totraum. Dies ist der Raum, der beim Ein- und Ausatmen nicht am Gasaustausch beteiligt
ist. Er beträgt etwa 250 ml und wird bei jedem Atemzug vom Atemvolumen abgezogen, d.h. dass
bei gleicher Lungenvolumenatmung bei schnellen, flachen Atembewegungen bei jedem Atemzug die
nutzbare Atemmenge um den Totraum verringert
wird. Bei tiefen, ruhigen Atembewegungen sind
entsprechend weniger Atemzüge mit deutlich geringerem Totraumvolumen vorhanden.
Die Atmung wird über zwei Regelkreise
gesteuert. Dies ist einerseits über den Sauerstoffgehalt,
andererseits über die Kohlendioxidmenge
im Blut geregelt. Ein zu hoher Dioxydgehalt führt zu einer Narkose, d.h. dass die Atmung nur über
die Sauerstoffmenge in Gang gehalten wird. Wenn bei einer Unterbeatmung Sauerstoff gegeben wird, kann
dies zum Ausfall beider Regelkreise und zum inneren Ersticken führen.
Da die Atmung bei Polio-Patienten schon maximal
trainiert ist, kann sie nicht noch weiter auftrainiert werden, sondern es muss
ihr die Möglichkeit zur Erholung gegeben werden. Dies geschieht am besten durch Atem-Hilfsmittel,
bei denen die muskuläre Arbeit der Atmung durch einen Respirator geleistet wird. Zwerch- und
Rippenmuskulatur können sich meist in der Nacht erholen. Nur bei erheblichen Unterbeatmungen
ist auch eine Versorgung mit Atemhilfsmitteln während der Tageszeit notwendig.
Typische Symtome der Unterbeatmung (=Hypoventilation)
sind häufig, lange Erkältungen, Lustlosigkeit, größere Müdigkeit
morgens als abends beim Zubettgehen, allgemeine Leistungsschwäche, häufig verstärkte
Schmerzen, besonders im Rücken.
Ein weiterer Faktor sind Atemstillstände
beim Schlafen, sogenannte Schlafapnoen. Hierbei wird die Atmung manchmal für mehrere Minuten
komplett eingestellt. Durch eine Stressreaktion kommt der Körper aus dieser bedrohlichen Situation
heraus. Zwangsläufig findet im Schlaf nicht Erholung, sondern schwerste körperliche Arbeit
mit den entsprechenden Stresssymptomen statt. Eine
Atemhilfe kann hier wesentlich helfen. Kriterien
für Heimbeatmungsgeräte sind einfache Handhabung, geringe Größe, geringes
Gewicht, elektrischer Antrieb, Warneinrichtung, enges Sevicenetz und geringer finanzieller Aufwand.
Geeignet sind z. B. Geräte der Firmen Dräger, Typ EV 800, oder Lifecare Typ PLV 800.
Bei Schmerzen und Schmerzbehandlungen ist darauf
zu achten, dass bei Polio-Patienten keine opiate und Opiatabkömmlinge eingesetzt werden,
da alle eine zusätzliche atemdepressive Komponente enthalten. Geeignete Schmerzmittel sind deshalb
aus der Gruppe der Antirheumatika, z.B. ASS, Paracetamol und weitere zu suchen.
Bei chronischer Beatmungspflicht wird sich
meist eine Tracheotomie (=Öffnung der Luftröhre) unterhalb des Kehlkopfes nicht umgehen lassen,
insbesondere kann durch die Öffnung eine deutlich bessere Lungentoilette mit Absaugen
des Schleims durchgeführt werden. Die
Entfernung dieses Schleims ist bei allen lungengeschädigten
Patienten wichtig, da die Atmung durch Einengung der Atemwege zusätzlich erschwert
wird und nur durch zügige Abführung des Schleims, sei es durch Abklopfen, Einnahme von schleimlösenden
Medikamenten und vielem Trinken behoben werden kann.
Die alte eiserne Lunge hat die natürliche
Atmung am besten imitiert. Moderne Geräte, die mit positiven Druck die Lungen aufblasen, sind
im wesentlichen für Kurzzeitbeatmung geeignet. Bei der Versorgung mit Atemhilfsgeräten und
Nasenmasken hat es sich als wichtig herausgestellt, daß kleine Silikonschläuche in die Nasenlöcher
eingeführt werden, damit durch den Druck auf die Nasenflügel der Durchfluss nicht
verhindert wird.
Für alle Patienten gilt, dass es
keine Normalwerte bei den Messungen von Vitalkapazität und Residualvolumen, die zusammen die Totalkapazität
ergeben, gibt. Allein entscheidend ist die Verlaufskontrolle.
Allen Polio-Patienten sei empfohlen, dass
sie bei Leistungsschwächen, besonders Müdigkeit,
Zerschlagenheit die Atemwerte prüfen
lassen und geeignete Schritte zur Kompensation ergreifen.